Durchhalten oder Vermeiden bei chronischen Schmerzen
Warum beides deinen Schmerz verstärkt
85 Prozent machen es so. Vier von fünf Menschen mit chronischen Rückenschmerzen wenden eine Bewältigungsstrategie an, die ihren Schmerz langfristig eher aufrechterhält als reduziert. So zeigt es eine Erhebung von Titze und Kollegen mit 851 Betroffenen: 63 Prozent halten durch, 22 Prozent vermeiden. Nur 15 Prozent reagieren in einer Weise, die die Schmerzforschung als adaptiv einstuft.
Das ist keine Nachricht über persönliches Versagen. Es ist eine Nachricht darüber, dass uns niemand erklärt hat, wie das Schmerzsystem tatsächlich funktioniert – und dass die beiden häufigsten Strategien intuitiv richtig wirken, biologisch aber gegen uns arbeiten.
Durchhalten ist nicht gleich Stärke
Endurance-Coping nennt die Schmerzforschung das Muster. Wer durchhält, unterdrückt Schmerzgedanken aktiv. Wer Schmerzgedanken unterdrückt, denkt häufiger an sie, nicht seltener. Dieser Rebound-Effekt ist seit dem klassischen Experiment von Wegner und Kollegen (1987) gut belegt. Das Nervensystem registriert das Ignorieren als Dauerstress und bleibt in Alarmbereitschaft.
Hinzu kommt das Boom-Bust-Muster: Vollgas bis zum Zusammenbruch, kurze erzwungene Pause, dann wieder Vollgas. Jeder Zyklus überlastet das System. Jeder Bust kommt mit Hilflosigkeit und der Frage „Warum krieg ich das nicht hin?" – und genau diese Bewertung nimmt das Nervensystem mit in den nächsten Zyklus. Längsschnittstudien zeigen über sechs Monate eine schlechtere Prognose für Menschen mit dieser Variante des Durchhaltens als für Menschen mit adaptivem Verhalten.
Mit zunehmender Erschöpfung kippt das Durchhalten oft in das andere Extrem.
Vermeiden schützt – bis es einschränkt
Das Fear-Avoidance-Modell, ursprünglich von Vlaeyen (2000) beschrieben und seither mehrfach überarbeitet, gehört zu den meistzitierten Konzepten der klinischen Schmerzforschung. Es erklärt, wie aus Schmerz Angst wird, aus Angst Vermeidung, aus Vermeidung Dekonditionierung. Und aus Dekonditionierung wieder mehr Schmerz. Eine Metaanalyse mit Daten von 9.579 Personen bestätigt: Vermeidungsverhalten ist mit mehr Schmerz, größeren Einschränkungen und geringerer Lebensqualität verbunden.
Was viele dabei nicht ahnen: Ein großer Teil dieses Musters wurde von außen mitgeschaffen. Sätze aus dem Behandlungsraum – „Ihre Bandscheibe ist abgenutzt", „Mit Ihrer Wirbelsäule müssen Sie vorsichtig sein" – sind gut gemeint und hinterlassen trotzdem Spuren. Der Nocebo-Effekt, also die Wirkung negativer Erwartungen auf den tatsächlich empfundenen Schmerz, ist seit Jahren belegt. Worte können das Schmerzsystem in Alarmbereitschaft versetzen, ohne dass sich körperlich etwas verändert hat.
Wie tief diese Spuren reichen, zeigt eine Untersuchung nach Kreuzbandriss: Nur 40 Prozent der Betroffenen kehrten ein Jahr später zu ihrem Sport zurück. Der häufigste Grund war nicht die Funktion des Knies, sondern Angst vor erneuter Verletzung.
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Beide Stimmen leben oft in derselben Person
In der Praxis sind Durchhalten und Vermeiden selten zwei Persönlichkeitstypen. Sie sind zwei innere Stimmen, die nebeneinander existieren – manchmal im Wechsel, oft gleichzeitig. Die eine ist im Job laut. Die andere meldet sich beim Wochenendausflug. Die eine sagt „nicht jetzt", die andere „lieber nicht".
Ein Beispiel aus meiner Arbeit, das ich immer wieder sehe: Eine Klientin macht jeden Tag ihre Übungen, vollständig, gewissenhaft. Sie hält durch. Und gleichzeitig beugt sie nie wirklich ihren Rücken. Nicht in den Übungen, nicht beim Schuhebinden. Es passiert einfach nicht. Beide Anteile, in derselben Stunde – und beide signalisieren dem Nervensystem dasselbe: Hier ist es nicht sicher.
Der Weg ist kein Kompromiss
Was bei chronischen Schmerzen langfristig hilft, liegt nicht in der Mitte zwischen Vollgas und Stillstand. Es liegt an einem anderen Ort. Konkret bei zwei Hebeln: Stressoren reduzieren und Resilienz aufbauen. Mit der Frage, welche Faktoren außer dem Schmerz selbst noch beteiligt sind. Schlaf, Stress, Emotionen, ungelöste Themen. Mit der Frage, wie das eigene Belastungsmanagement aussieht. Wo Überforderung passiert, wo unnötige Schonung. Mit der Frage, was Bewegung selbst sicherer macht. Tempo, Dosierung, Verständnis dafür, dass Schmerz nicht gleich Schaden bedeutet.
Belastungsmanagement mit Strategie und klaren Parametern ist das, was Schmerz berechenbarer macht. Und Berechenbarkeit ist das, was das Nervensystem zur Ruhe kommen lässt.
Anerkennen kommt vor Verändern
In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder dasselbe Prinzip: Was nicht anerkannt wird, kann sich nicht verändern. Solange wir gegen unsere Muster kämpfen, halten wir sie am Leben.
Beide Stimmen wollen gesehen werden. Nicht bekämpft, nicht überredet. Einfach gesehen. Daraus entsteht der Raum, in dem etwas Neues möglich wird.

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